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Kommentar der Anderen von Moritz Gieselmann
"Der Standard" 29.8.2009                              



Adieu, gute alte Glühbirne - willkommen, Sparbastard


Die gute alte Glühbirne ist Geschichte. Ob die neuen

Energiesparlampen halten, was die Industrie verspricht, ist

eine andere Frage - Von Moritz Gieselmann


Das war es also: Die gute alte Glühbirne ist Geschichte. Ob

die neuen Energiesparlampen halten, was die Industrie

verspricht, ist eine andere Frage. Ein kritisches, gar nicht

sentimentales Nachwort.

***

Nächste Woche gibt es sie nicht mehr: Glühlampen ab 100

Watt und alle matten Glühbirnen dürfen nicht mehr erzeugt,

bestellt und importiert werden. Der Einzelhandel darf noch

seine Lagerbestände verkaufen, dann ist Schluss. Die

Zöllner an den EU-Außengrenzen sind angewiesen,

Glühlampen, die bei Reisenden gefunden werden, zu

beschlagnahmen.

Aus diesem Anlass noch einige Informationen zu Glüh- und

Sparlampe:

Der Anteil von Privathaushalten am Gesamtstromverbrauch

beträgt 20 Prozent, davon werden elf Prozent für die

Beleuchtung verwendet. Vom Gesamtstromverbrauch

werden also 2,2 Prozent für die Beleuchtung von

Privathaushalten verwendet.

Wenn die Sparlampenlobby das Einsparungspotenzial

durch Sparlampen mit 80 Prozent annimmt, ergibt sich eine

Einsparung von 1,76 Prozent des Gesamtstromverbrauchs.

Hochkomplexe Geräte

Zum Vergleich: Durch den krisenbedingten

Produktionsrückgang in der Industrie ist der Strombedarf

seit Anfang letzten Jahres um acht Prozent gesunken. Und:

Das Einsparungspotenzial von 80 Prozent stimmt so auch

nicht: Sparlampen sind kleine, aber hochkomplexe

elektronische Geräte: Sie beziehen elektrische Energie

nicht nur über die Phase, sondern auch über den Nullleiter,

das ist der sogenannte Leistungsfaktor. Der liegt im Schnitt

bei 0,5, das bedeutet, dass noch einmal genauso viel

Leistung wie über die Phase über den Nullleiter verbraucht

wird - eine glatte Halbierung der Einsparung.

Gemessen und verrechnet wird nur der Strom, der über die

Phase fließt - die Energie, die über den Nullleiter kommt,

muss aber ebenfalls erzeugt werden. Vattenfall, einer der

größten europäischen Stromerzeuger, hat vorsorglich

angekündigt, dass der Strompreis erhöht wird, falls der

Effekt des Leistungsfaktors der Sparlampen in der

Stromerzeugung spürbar wird.

Und so haben wir dann alle schöne, teure Sparlampen

daheim, die Einsparung von vier bis fünf Euro im Monat bei

der Stromrechnung schmilzt dahin, weil der Strom schon

wieder teurer wird ...

Vier Promille CO2-Einsparung

Wir wissen, dass wir CO2 einsparen müssen, um den

Klimawandel halbwegs in den Griff zu kriegen. Ab 2012

sollen so durch das Verbot der Glühlampen 15 Millionen

Tonnen CO2 in der EU eingespart werden - vier Promille

der gesamten europäischen CO2-Emission.

Global gesehen irrelevant, wenn man bedenkt, dass allein

China jährlich 5000 Millionen Tonnen CO2 in die Luft bläst,

mit einer Steigerungsrate von mehr als zehn Prozent

jährlich.

Unterm Strich bedeutet die europäische Einsparung von

vier Promille eine Verzögerung der Zunahme der globalen

CO2--Emission um gerade einmal eine Woche.

Hoher Preis fürs Gewissen

Das Quecksilber hoch giftig ist und das Sparlampen bis zu

fünf Milligramm Quecksilber enthalten, ist bekannt.

Trotzdem landet noch immer ein großer Teil der

ausgebrannten Lampen im Hausmüll - unsere Enkel

werden sich bedanken.

Der größte Teil der in Europa verkauften Sparlampen wird

in China hergestellt, einem Land, das nicht gerade für

drakonische Umweltvorschriften und Arbeitsschutzrecht

bekannt ist. Trotzdem ordnete die Stadtverwaltung von

Foshan Tests in der Nanhai-Feiyang-Lampenfabrik an. 68

der 72 untersuchten Arbeiterinnen waren so mit

Quecksilber vergiftet, dass sie ins Spital mussten.

Durch die erhöhte Produktion von Sparlampen nimmt auch

der Abbau von Quecksilber großen Aufschwung: Wegen

der starken Nachfrage werden in der Provinz Guizhou

Minen wiedereröffnet, die erst vor einigen Jahren stillgelegt

wurden, weil die Flüsse tot, die Felder vergiftet und die

Menschen krank waren. Ein hoher Preis für ein reines

Umweltgewissen.

Keine Zwischentöne

Ist Licht gleich Licht? Kann man das kontinuierliche

Spektrum einer Glühlampe mit dem diskontinuierlichen

einer Sparlampe überhaupt vergleichen? Im Licht der

Glühlampen sind alle Farben enthalten, Sparlampen

mischen typischerweise drei Frequenzen zu einem Licht,

das weiß erscheint - die Zwischentöne fehlen.

Die besten warmweißen Sparlampen haben einen

Farbwiedergabe-Index von 85, alle Glühlampen den

größtmöglichen Index von 100. Der Farbwiedergabe-Index

beschreibt die Qualität der Farbwiedergabe von Licht, wie

stark sich die wahrgenommene Farbe eines Objekts bei der

Beleuchtung mit verschiedenen Lampen ändert. Zu

behaupten, dass kein Unterschied zwischen einem Index

von 85 und von 100 wahrnehmbar sei, ist ungefähr so

intelligent wie eine demokratische Abstimmung darüber, ob

ein Musikinstrument verstimmt sei oder nicht.

Zum Schluss: Matte Glühlampen geben genauso viel Licht

wie klare, das kann man in jedem Prospekt nachlesen.

Trotzdem sind ab 1. September alle matten verboten, nicht

nur die ab 100 Watt. Dass Hersteller und Handel ein

kleineres Sortiment einfacher verwalten können, ist

verständlich, aber dass die Brüsseler Bürokratie der

Industrie bei der Sortimentsbereinigung per Gesetz unter

die Arme greift, nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe,

29./30.8.2009)